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Der kleine Kino-Nervtyp-Führer
Von der Camera obscura zur Laterna magica, von den Gebrüdern Lumière bis hin zum heutigen Filmschaffen ist es ein langer, wenngleich faszinierender
Weg. Doch der interessiert uns an dieser Stelle in keiner Weise, aber es war trotzdem – wie ich finde – ein überaus gelungener Einleitungssatz.
Ich hätte auch beginnen können mit:
Allen pessimistischen Prognosen zum Trotz erfreut sich das Wirken der zeitgenössischen Filmemacher einer ungebrochenen Popularität.
Aber darum geht es nicht. Es geht um uns, die Kinobesucher. Und unter diesen haben sich im Laufe der letzten einhundert und ein paar zerquetschten
Jahre Filmgeschichte unterschiedliche Typen entwickelt, von denen ich einige an dieser Stelle kurz vorstellen möchte.
Der normale Filmtheaterbesucher (das ist derjenige, der einfach nur in aller Ruhe eine neue Leinwandproduktion betrachten möchte, sich eineinhalb
Stunden Erholung, Unterhaltung, Anregungen, Diskussionsstoff etc. erhofft), erweist sich als wenig ergiebig. Wir nennen ihn deshalb Typ 08/15.
Als interessant ob ihres hohen Ärgernisfaktors erweisen sich diejenigen Kinogänger, die von diesem Durchschnittstypus unangenehm abweichen.
Das zeitgenössische Cinema will mehr bieten als das ausschließliche ‘Filmegucken’; es soll zu einem Ereignis werden oder, wie wir Fachleute zu
sagen pflegen, zu einem ‘event’. Das klingt sehr wichtig und bedeutet in der Realität, daß das gastronomische Angebot über das Feilbieten von Popcorn und Speiseeis hinauszugehen hat. Pizza, Pitta,
China-Imbiß sowie Trendy-Bier aus den neuen Bundesländern gehören heute zum Standard moderner Kino-Serviceleistungen. So konnte sich Nervtyp 1 entwickeln, der, mit Pommesschale und Sixpack bewaffnet, den
Vorführungssaal betritt und nicht nur der Innenausstattung und den Kleidungsstücken seiner Sitznachbarn bleibende Schäden zufügt, sondern auch durch pöbelhaftes Rascheln und Rülpsen sowie die Verbreitung einer
penetranten Duftwolke die übrigen Besucher über Gebühr belästigt.
Eng verwandt mit Nervtyp 1 ist Nervtyp 2 (nicht selten sind die Merkmale beider in einer Person vereinigt, man spricht dann von einem Meganervtyp der
Kategorie A). Aufgrund seines hohen Pegels an Flüssigkeitsnahrungsaufnahme wird seine Blase stark überfordert, was zur Folge hat, daß Nervtyp 2, der in einer mittleren Reihe in der Mitte sein Plätzchen gefunden
hat, zumeist kurz nach Filmbeginn damit beginnt, daß er sich seinen Weg über zahlreiche in Mitleidenschaft gezogen werdende Füße („Oh, Entschuldigung, das wollte ich nicht“) bahnen muß, um sich entleeren zu
können. Diese Prozedur wiederholt sich im Regelfall diverse Male während der Vorführung.
Unter Nervtyp 3 verstehen wir denjenigen Kinobesucher, der einen Film bereits zum x-ten Male betrachtet und es sich nicht nehmen lassen will, seine
Freundin bzw. seinen Freund – aber auch das restliche Publikum – auf besonders wichtige Filmszenen aufmerksam zu machen. Bei französischen Problemfilmen lauten mögliche Standardsätze: „Du, daß die Kamera
jetzt gleich zwanzig Minuten auf den Küchenstuhl fixiert ist, hat irgendwo eine wahnsinnig wichtige Botschaft; die Bilder sind irgendwie so kraftvoll, so unheimlich symbolisch. Der Regisseur hat sich echt was dabei
gedacht.“
Bei neuen deutschen Komödien lacht Nervtyp 3 schon drei Minuten vor der Pointe, die sich allerdings als gar keine solche erweisen wird, laut und fast
hysterisch. Dabei läßt er Bemerkungen fallen wie: „Also guck mal genau hin; da kommt jetzt was wirklich Witziges, hahaha, ich kann schon nicht mehr, das ist so wirklich treffend beobachtet, hahaha, wie in
Wirklichkeit, da jetzt ...“
Bei Actionfilmen mit Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger wird uns, obwohl es sowieso jedem klar ist, vorweg verraten: „Gleich knallt er
ihm die Birne weg.“
Ähnliches trifft bei langweiligen Kriminalfilmen zu, bei denen der interessierte Filmbetrachter den Kinosaal nur deswegen nicht verläßt, weil er
doch zumindest des Rätsels Lösung abwarten möchte, und welche dann ihrer letzten Spannung beraubt werden: „Also, der stirbt doch sowieso zum Schluß.“ Dies wünscht man Nervtyp 3 gleichfalls von ganzem Herzen.
Zu Nervtyp 4 gehören diejenigen Menschen, die trotz eindeutiger Platzzuweisung nicht in der Lage sind, den für sie vorgesehenen Sitz einzunehmen.
Sie erscheinen (ein ähnliches Ärgernis wie bei Nervtyp 1) zumeist erst nach Filmbeginn – weil sie dem Konsumterror der Werbung Paroli bieten wollen – und sorgen gleichfalls für erhebliche Unruhe.
Zum Schluß dieses kleinen und sicherlich unvollständigen Essays sei mir gestattet, Ihnen ans Herz zu legen, bei sich zu überprüfen, ob Sie sich
einem dieser vier Nervtypen zugehörig fühlen. Das Ergebnis kann ich mir allerdings schon denken:
Es will mal wieder keiner gewesen sein.
Doch zumindest ich selbst möchte ehrlich sein:
Ich habe eine schwache Blase ...
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